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Warum Agentic AI im Contact Center nur mit Orchestrierung funktioniert

Geschrieben von Martin Wild | 11.02.26 16:06

AI Agents sind gerade dabei, den Kundenservice neu zu definieren. Und ja: 2026 wird sich vieles “Agentic” nennen. Genau deshalb lohnt sich ein nüchterner Blick – nicht auf Buzzwords, sondern auf Fähigkeiten, Betrieb und Wirkung.

Denn ein Muster sehen wir in vielen Organisationen: Die erste Demo überzeugt, der Pilot läuft – und beim Skalieren kommt die Ernüchterung. Nicht, weil das Modell “zu schlecht” wäre. Sondern weil AgenticAI im Service ein Zusammenspiel aus Technologie, Prozessen, Daten und Governance ist. Wer nur “einen Bot” kauft, bekommt oft auch nur: einen Bot.

1. Was Agentic AI eigentlich meint (und was nicht)

Klassische Chatbots sind oft regelbasiert oder folgen engen Dialogbäumen. Das funktioniert für einfache FAQs – bis Kund:innen anders formulieren, abweichen oder mehrere Anliegen mischen.

Agentic AI geht einen Schritt weiter: Ein Agent soll ein Ziel erreichen, nicht nur antworten. Dafür braucht er typischer weise vier Fähigkeiten:

    • Reasoning: Er erkennt, was der Kunde wirklich will, und kann Varianten gegeneinander abwägen.
    • Planning: Er kann mehrere Schritte planen (z.B. Identifizieren Prüfen Ausführen Bestätigen).
    • Tool Calling: Er kann Aktionen in Systemen auslösen (z.B. Ticket anlegen, Status prüfen, Termin buchen).
    • Memory/Context: Er “verliert” nicht nach zwei Sätzen den Faden und kann Kontext sauber weitergeben.

Das entscheidende Merkmal: Ein Agent ist nicht nur “Dialog”, sondern Dialog + Handlung. Und genau deshalb steigen die Anforderungen: Sobald ein System handeln darf, wird Governance zur Pflicht.

2. Warum so viele “Agent”-Projekte in der Realität hängenbleiben

Wenn ein Agent in der Praxis nicht zuverlässig liefert, erleben Kund:innen das sofort. Und die Organisation erlebt es doppelt: steigende Kontaktvolumina (weil Dinge nicht gelöst werden) plus sinkendes Vertrauen (weil Dinge “komisch” wirken).

Die häufigsten Ursachen sind erstaunlich bodenständig:

Falsche Use-Case-Auswahl
Viele starten zu komplex: “Der Agent soll alles können.” Das führt zu langen Pfaden, vielen Edge Cases, unklaren Regeln – und am Ende zu Eskalationen, die teurer sind als vorher.
Besser ist ein Funnel:

    • Quick Wins: hohe Volumina, klare Regeln, geringe Risiken (z.B. Status, Adressänderung, einfache Terminlogik).
    • Strategic Wins: komplexer, höherer Wert, aber erst nach stabilen Grundlagen.

Zu wenig Systemzugriff (oder zu chaotischer)
Ein Agent ohne CRM/Ticketing/Knowledge Base ist wie ein guter Mitarbeiter ohne Bildschirm. Er kann freundlich sein – aber er kann nicht lösen.
Gleichzeitig ist “alles freigeben” genauso riskant: Tool Calling braucht Policies: Welche Aktionen sind erlaubt, welche nur mit menschlicher Freigabe, welche gar nicht?

Keine klaren Guardrails und Eskalationslogik
Agentic AI braucht definierte Leitplanken:

    • Welche Themen darf der Agent komplett lösen?
    • Wann muss er eskalieren (Unsicherheit, Emotion, Risiko, Betrug, Compliance)?
    • Wie wird Kontext übergeben (Transcript, Intent, bereits versuchte Schritte, relevante Kundendaten)?

Fehlende Messbarkeit
Ohne klare KPIs läuft man blind. Dabei sind gute Metriken in Service-Organisationen längst etabliert:
Containment/Deflection, AHT, FCR, CSAT, Wiederkontaktquote, Eskalationsrate, Compliance-Flags, Qualitäts-Scores.
Agentic AI ist nur dann skalierbar, wenn man Wirkung und Risiken messen kann – nicht nur “Nutzung”.

3. Der Kernpunkt: Agentic AI ist einOrchestrierungsproblem

Agentic AI wird oft als “neue Art Bot” verstanden. In der Praxis ist es eher eine neue Art Orchestrierungsschicht zwischen Kanälen, Menschen und Systemen.

Eine robuste Agent-Architektur beantwortet mindestens diese Fragen:

    • Wo lebt der Kontext? (Conversation ID / Context Store)
    • Wie werden Entscheidungen getroffen? (Policies statt Zufall)
    • Wie wird gehandelt? (Tool Calling mit Berechtigungen und Logging)
    • Wie wird übergeben? (Handover mit vollständigem Kontext)
    • Wie wird verbessert? (Qualitätssicherung, Monitoring, Iteration)

Wer das sauber löst, bekommt einen Hebel, der weit über “Automatisierung” hinausgeht: Agentic AI kann Prozesse vereinheitlichen, Wissen nutzbar machen, Mitarbeitende entlasten und Erlebnisse über Kanäle konsistent halten.

4. Quick Wins, die in vielen Contact Centern sofortfunktionieren

Ohne Kundennamen oder interne Zahlen kann man typische Startfelder nennen, die in vielen Organisationen schnell Nutzen bringen – weil Regeln und Datenlage meist gut sind:

    • Status- und Informationsprozesse
      Bestellung, Lieferung, Störung, Ticketstatus – oft die größte Volumenklasse.
    • Datenänderungen & einfache Transaktionen
      Adresse ändern, Kontaktdaten aktualisieren, Termin verschieben – mit klarer Authentifizierung.
    • E-Mail- und Backoffice-Entlastung
      Klassifizieren, Routen, Zusammenfassen, “Next Steps” vorbereiten – reduziert manuelle Nacharbeit massiv.
    • Agent Assist als “sicherer” Einstieg
      Zusammenfassungen, Knowledge Support, Next Best Actions: hoher Nutzen, geringes Risiko, schnelle Akzeptanz.

Der gemeinsame Nenner: Starten mit dem, was skalierbar ist –und bauen dann Richtung komplexe End-to-End-Flows aus.

5. Governance: Der Unterschied zwischen “cool” und “betriebssicher”

Je autonomer ein Agent agieren soll, desto wichtiger wird Governance. Nicht als Bremse, sondern als Voraussetzung für Skalierung.

Praktisch heißt das:

    • Allowed Actions / Restricted Actions: klare Liste, was der Agent darf (und was nicht).
    • Human-in-Control: definierte Freigaben für kritische Schritte (Gutschriften, Kündigungen, Identitätswechsel etc.).
    • Auditability: Logging von Entscheidungen, Aktionen und Datenzugriffen – nachvollziehbar für Betrieb und Compliance.
    • Qualitätssicherung: regelmäßige Checks (z.B. Stichproben, automatisierte Tests, Drift-Erkennung).
    • Change-Management: neue Rollen entstehen (Agent Supervisor, Conversation Designer, AI Ops) – das muss organisatorisch verankert werden.

Das klingt nach Aufwand – ist aber genau das, was aus einem Piloten einen produktiven Betrieb macht.

6. Der pragmatische Weg: Agentic AI als Roadmap statt BigBang

Erfolgreiche Teams behandeln Agentic AI nicht als “ein Projekt”, sondern als Roadmap:

    • Use-Case-Funnel definieren (Impact, Volumen, Risiko, Datenverfügbarkeit).
    • Policies & Handover designen (Guardrails, Eskalation, Kontext).
    • Integrationen aufsetzen (CRM/Ticketing/KB/APIs – minimal, aber sauber).
    • Qualität & Monitoring etablieren (KPIs, Logs, Review-Zyklen).
    • Pilot → kontrollierte Skalierung (mehr Use Cases, mehr Kanäle, mehr Autonomie).
    • Continuous Improvement (Learning Loops, neue Daten, neue Flows).

So entsteht Agentic AI, die nicht “beeindruckt”, sondern liefert.

Fazit

AI Agents sind ein starker Hebel – wenn man sie als das behandelt, was sie sind: zielorientierte Systeme, die reden und handeln. Der Schlüssel liegt nicht im Buzzword, sondern in Orchestrierung, Integration, Governance und Messbarkeit. Wer diese Grundlagen schafft, bekommt keine “Chatbot-Show”, sondern eine skalierbare Fähigkeit, die Service und Betrieb spürbar entlastet – und Kundenerlebnisse besser macht.